Wenn das Wir ins Wanken gerät
Selbsthilfegruppen geben Pflege- und Adoptivfamilien Halt und das Gefühl, nicht allein zu sein. Doch Nähe schützt nicht vor Konflikten. Wo Menschen länger zusammenarbeiten und Persönliches teilen, entstehen unterschiedliche Erwartungen und Enttäuschungen.
Ein Streit eskaliert, Mitglieder ziehen sich zurück, Aufgaben bleiben an wenigen Personen hängen oder die Leitung möchte aufhören. Das bedeutet nicht, dass die Gruppe gescheitert ist, denn alle Gruppen durchlaufen verschiedene Phasen.
Eine Krise kann zeigen, dass Rollen, Ziele oder Regeln nicht mehr zur aktuellen Situation passen. Entscheidend ist, wie die Gruppe damit umgeht.
Nicht vorschnell Schuldige suchen
In angespannten Situationen richtet sich der Blick schnell auf Einzelne: die dominante Leitung, das unzuverlässige Mitglied oder diejenigen, die scheinbar nie Verantwortung übernehmen. Diese Sicht greift meist zu kurz. Hinter dem Verhalten stehen oft strukturelle Fragen: Wer entscheidet? Sind Aufgaben realistisch verteilt? Dürfen Mitglieder Nein sagen? Können neue Familien mitgestalten? Verfolgen alle noch dasselbe Ziel?
Motivationen, sich zu engagieren, sind naturgemäß sehr unterschiedlich. Hilfreicher als Vorwürfe ist eine gemeinsame Bestandsaufnahme. Nicht die Suche nach Schuldigen, sondern die Frage, was die Gruppe jetzt braucht, führt weiter. Das Auftrennen von Sache, Bedürfnissen und Struktur verhindert, dass jede organisatorische Meinungsverschiedenheit als persönliche Ablehnung verstanden wird.
Auch Schweigen ernst nehmen
Nicht jede Krise beginnt mit einem Streit. Häufig zeigt sie sich leise: Nachrichten bleiben unbeantwortet, Treffen werden schlechter besucht oder Aufgaben nicht übernommen. Wenige Engagierte halten den Betrieb aufrecht und werden zunehmend enttäuscht.
Vor moralischen Appellen sollte die Gruppe ihre Aufgaben überprüfen. Menschen beteiligen sich eher, wenn eine Aufgabe überschaubar, zeitlich begrenzt und klar beschrieben ist. Statt allgemein nach „mehr Verantwortung“ zu fragen, helfen konkrete, einmalige Aufträge.
Kleine Treffen nicht als Misserfolg werten
Gerade bei Pflege- und Adoptivfamilien wechseln Belastungen, Termine und verfügbare Kräfte stark. Bleiben Teilnehmende aus, heißt das nicht automatisch, dass das Angebot nicht gebraucht wird. Man darf nicht erwarten, dass alle Mitglieder überall teilnehmen wollen und können. Auch ein kleines Treffen kann wertvoll sein.
Abwechslungsreiche Angebote erreichen mehr Menschen: Termine am Vormittag oder Abend, Gesprächsrunden, Familienaktivitäten, digitale Formate, Ausflüge oder Themenabende. Die eigenen Ansprüche sollten realistisch bleiben und organisatorisch aktive Gruppenmitglieder sollten sich nicht von geringer Teilnahme entmutigen lassen.
Engagement schützen
Besonders Aktive laufen Gefahr, dauerhaft zu viel zu übernehmen. Warnzeichen sind Gereiztheit, Rückzug, ständige Erreichbarkeit, das Gefühl, unersetzlich zu sein, oder der Satz: „Wenn ich es nicht mache, passiert gar nichts.“
Aufgaben sollten geteilt, zeitlich begrenzt und regelmäßig neu verteilt werden. Vertretungen und Übergaben verhindern, dass alles bei Einzelnen liegt. Ebenso wichtig ist eine Kultur, in der ein Nein akzeptiert wird und Überforderung frühzeitig ausgesprochen werden darf.
Krisen vorbeugen
Probleme lassen sich nicht verhindern, aber früher erkennen. Hilfreich sind Blitzlicht- und Feedbackrunden, Vereinbarungen zu Vertraulichkeit und respektvollem Umgang, transparente Entscheidungen, wechselnde Verantwortlichkeiten, Vertretungsregeln und feste Ansprechpersonen für Konflikte. Auch Ziele und Angebote sollten einmal jährlich überprüft werden.
Formelle Zusammenschlüsse wie Vereine können ihre Strukturen vereinfachen, etwa durch eine schlankere Satzung oder weniger feste Posten. Kooperationen mit benachbarten Gruppen entlasten zusätzlich. Für Ausflüge, Feste oder Fachveranstaltungen lassen sich Ressourcen bündeln und Aufgaben gemeinsam tragen.
Wertschätzung sichtbar machen
Eine aktive Wertschätzungskultur stärkt den Zusammenhalt. Wer sich gesehen und willkommen fühlt, bleibt eher verbunden – auch wenn eine Mitarbeit gerade nicht möglich ist. Dazu gehören ein respektvoller Gesprächston, Dank für kleine Beiträge und zugewandte Kommunikation.
Selbsthilfegruppen werden nicht dadurch stark, dass sie nie streiten oder immer genügend Engagierte finden. Sie werden stark, wenn sie Veränderungen wahrnehmen, Konflikte respektvoll bearbeiten, Verantwortung realistisch verteilen und Unterstützung annehmen. Nicht die Abwesenheit von Krisen entscheidet über ihre Zukunft, sondern die Fähigkeit, gemeinsam aus ihnen zu lernen.
Petra Kalwa
Autorin: Petra Kalwa
Petra Kalwa ist Pflegemutter einer dreijährigen Tochter. Im September 2024 gründete sie die Ortsgruppe Leverkusener Herzenskinder, um den Austausch und die Gemeinschaft der Familien untereinander zu stärken.
Der Beitrag Im Fokus: Ortsgruppen – Teil 10: Wenn das Wir ins Wanken gerät erschien zuerst auf pfad-bv.de.