Bei ihrem Online-Treffen im November diskutierte die AG Medien unter dem Dach des PFAD Bundesverbandes die Folge „Kindeswohl“ aus der ZDF-Serie „Der Bergdoktor„, die in der ZDF-Mediathek angesehen werden kann.
Kurzer Abriss der Handlung
Der 14-jährige John fällt auf, als er dem Bergdoktor ein Rezept für ein ADHS-Medikament klauen will. Seine Pflegeeltern vermuten, das Mittel sei Schuld an seinen ständigen Infekten und wollen es probehalber eine Weile absetzen. In die Diagnose und Behandlung mischt sich auch Johns leibliche Mutter ein, die seit kurzem wieder Teil seines Lebens ist.
Diskussion
Positiv ist uns aufgefallen, dass viele Aspekte des Daseins als Pflegefamilie angesprochen wurden: Angefangen mit der simplen Tatsache, dass John einen Vormund hat, der über medizinische Behandlungen entscheiden muss. Über die Tatsache, dass die Pflegefamilie über familiäre Vorerkrankungen im Zweifelsfall nichts weiß. Dass John vorher schon in einer anderen Pflegefamilie war. Es wird eine Hilfeplankonferenz angerissen und die Tatsache, dass es für die leibliche Mutter normalerweise feste Besuchstermine gibt. Und sogar solche Spitzfindigkeiten, dass der Jugendliche droht, beim Jugendamt anzurufen, wenn die Pflegeeltern sich nicht perfekt und in seinem Sinne verhalten. All das deckt sich mit unseren Erfahrungen.
Und die Folge zeigt auch den Konflikt zwischen der leiblichen Mutter und der Pflegefamilie. Ganz eindeutig hat der Junge in diesem Fall eine Bindung an beide. Bevor der große Konflikt ausbricht, bezieht er einen Gruß an seine Eltern auf die Pflegefamilie. Aber die leibliche Mutter bleibt “Mama”. Der Konflikt darum, was für das Kind das Beste ist, ist für beide Parteien schwer auszuhalten. Das wissen wir und das ist auch in der Folge zu merken, wenn beide Mütter um den zunehmend kranken Jungen drängen.
Eine wichtige Rolle spielt hier, dass der Bergdoktor als Protagonist der Serie den Ton vorgeben kann. Er zeigt Empathie für beide Seiten, gibt niemandem die Schuld und behandelt John ganz neutral, wie alle anderen Patienten auch. So wie wir uns das für unsere Kinder wünschen würden.
Auf dem Höhepunkt des Stresses ohrfeigt die Pflegemutter den Jungen einmal. Anschließend wird gezeigt, wie sehr sie das bereut, wie sie John um Verzeihung bittet und sich schließlich mit ihm versöhnt. Der Doktor fragt John unter vier Augen, ob so etwas schon häufiger vorgekommen sei und lässt die Sache bei Verneinung auf sich beruhen. Nicht schön, aber sehr realitätsnah, fanden wir. Im Gegenzug macht die Serie deutlich, dass die leibliche Mutter das Kind nie körperlich misshandelt hat, aber welche Ausmaße die Vernachlässigung hatte. Und dass sie sich jetzt wirklich alle Mühe gibt, auch finanziell wieder auf die Füße zu kommen, damit sie wirklich eine Zukunft mit ihrem Kind haben kann. So bleiben alle Parteien Menschen mit Fehlern, statt dass einer der Bösewicht wäre. Auch und erst Recht nicht das Kind, das höchstens typischen jugendlichen Leichtsinn zeigt.
Anhand von einem Fall kann man nicht die gesamte Bandbreite des Pflegekinderwesens aufzeigen. Aber wir hatten das Gefühl, dass diese Geschichte es nicht nur versucht, sondern dass das nicht einmal so schlecht klappt.
Einzelne Aspekte bleiben natürlich trotzdem unrealistisch. Und sei es nur, wie gut der Held vorinformiert ist. Oder wie problemlos der Umgang mit dem Vormund läuft. Aber man kann eben in 90 Minuten nicht alles abdecken, zumal der gute Doktor ja auch noch sein Privatleben hat.
Unter die unrealistischen Aspekte fällt vielleicht auch das Happy End, bei dem sich die leibliche und die Pflegemutter zum ersten Mal einig sind. Und beschließen, dass sie den Plan zur behutsamen Wiederannäherung befolgen werden, zum Wohle des Kindes. Aber wir waren uns einig, dass es so trotzdem Sinn macht. Irgendwo muss ja auch mal definiert werden, was denn in einer Pflegesituation ein Happy End ausmacht. Und mit dieser Version waren wir zumindest einverstanden.
Da wir uns eigentlich in allen Aspekten einig waren, finde ich folgendes umso wichtiger: Wenn sonst noch jemand die Folge gesehen hat und einen anderen Eindruck hatte, schreibt uns das bitte. Wir sind hier, um auch unterschiedliche Perspektiven zu sammeln.
Kontakt: eva-e@gmx.de
Zum Hintergrund
Die Arbeitsgruppe (AG) Medien unter der Leitung von Eva Eismann möchte die Darstellung von Pflege- und Adoptivfamilien in den Medien verbessern. In Videokonferenzen diskutiert die Gruppe an jedem dritten Montagabend im Monat, was sie an der Darstellung von Pflege- und Adoptivfamilien in den Medien stört. Sie wollen Beispiele sammeln, positive wie negative. Und sie überlegen gemeinsam, wen sie mit diesen Beispielen konfrontieren können, damit sich etwas ändert: von den individuellen Medienschaffenden bis zu Einrichtungen, die sich die Förderung von Diversität auf die Fahnen geschrieben haben.
Interessierte sind jederzeit willkommen und können sich per Mail melden bei eva-e@gmx.de.
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